Heinkel He 111
Die Heinkel He 111 war der standardmäßige mittlere Bomber der Luftwaffe während des gesamten Zweiten Weltkriegs.
Einordnung in die Flugzeugtypenforschung
Die Heinkel He 111 war der standardmäßige mittlere Bomber der Luftwaffe während des gesamten Zweiten Weltkriegs. Für die Schicksalsforschung ist sie deshalb besonders relevant, weil ihre Verlustzahlen hoch waren und die Besatzungen oft über feindlichem Gebiet abstürzten. Die Quellenlage ist vergleichsweise dicht: Neben den zentralen Verlustmeldungen der Wehrmacht existieren alliierte Gegenüberlieferungen, die eine Kreuzprüfung ermöglichen. Wer das Schicksal eines He-111-Besatzungsmitglieds erforscht, muss mit mehreren, oft widersprüchlichen Dokumenten arbeiten.
Identifizierung der Variante
Die Heinkel He 111 wurde in zahlreichen Ausführungen gebaut. Für die Schicksalsforschung ist die korrekte Angabe der Ausführung wichtig, weil Verlustmeldungen und Flugbücher oft nur die Variante nennen.
Frühe Baureihen (B, D, E, F, J)
- He 111 B / E / F / J, frühe Bombervarianten mit unterschiedlichen Motoren (Daimler-Benz DB 601 bzw. Jumo 211). Diese Ausführungen waren 1937-1940 in Produktion und wurden in den ersten Kriegsjahren eingesetzt.
- He 111 D, eine Vorserie zur Erprobung.
- He 111 J (nur zwei Prototypen), als Bomber für Japan entwickelt.
Mittlere und späte Baureihen (H, P)
- He 111 H, die meistgebaute Variante mit Junkers-Jumo-211-Motoren; die H-Serie war der Standardbomber der mittleren Kriegsjahre. Erkennungsmerkmal: die asymmetrische, vollverglaste Bugkanzel mit tropfenförmiger Nasenverglasung.
- He 111 P, Variante mit Daimler-Benz DB 601; wurde oft mit der H-Reihe parallel geführt. Erkennungsmerkmal: eine eckige Nasenverglasung.
- He 111 H-6, die am häufigsten gebaute Variante mit zwei Jumo 211F-1 Motoren, vor allem an der Ostfront und im Mittelmeerraum eingesetzt.
- He 111 H-16, H-20, H-22, späte Baumuster mit verstärkter Abwehrbewaffnung; H-22 als Trägerflugzeug für V1-Ferngeschosse („FZG 76“). Die H-20/R1 war eine spezielle Version für den V1-Einsatz.
Sonderausführungen
- He 111 Z, ein seltenes Doppelrumpf-Schleppflugzeug, das als „Zwilling“ konzipiert war und nicht als Bomber diente.
- He 111 R, ein Höhenaufklärer mit größerer Spannweite und Druckkabine.
- He 111 Zerstörer, eine Variante mit starren Waffen, die nie über das Versuchsstadium hinauskam.
- V-Reihe, bezeichnet die Versuchsflugzeuge (V1, V2 usw.) und dient der Typenentwicklung.
- C- und E-Reihen, die ersten Serienvarianten.
- F-Reihe, als Transportflugzeug geplant.
- G-Reihe, weiterentwickelte Exportversion für Spanien.
Bei der He 111 sind die Ausführungen H, P und J am häufigsten in Verlustmeldungen anzutreffen. Die H-Variante nutzte zwei flüssigkeitsgekühlte Junkers Jumo 211-Motoren, die P-Variante zwei Daimler-Benz DB 601.
Dieses Dossier behandelt ausschließlich die militärische Einsatz- und Verlustdokumentation der He 111. Technische Daten wie Reichweite oder Bombenlast werden nur erwähnt, wenn sie für die Identifizierung eines Absturzes nötig sind.
Einsatzrollen der He 111
Die He 111 wurde primär als mittlerer Bomber konstruiert und in fast allen Kriegsschauplätzen eingesetzt. Sie flog taktische und strategische Bombeneinsätze, aber auch Transport-, Minenlege- und zeitweise Aufklärungsmissionen. Ab 1940 wurde sie zunehmend als Bomber der Nachtangriffe verwendet; der „Beleuchter“-Einsatz (Pfadfinder mit Brandbomben) war eine spezielle Rolle. In der zweiten Kriegshälfte diente sie oft als Transporter und Schleppflugzeug für Lastensegler. Ab 1941 wurde die He 111 zunehmend als Trägerflugzeug für V1 (Fieseler Fi 103) eingesetzt, die als „Kirchturm“ oder „Mistel“-Kombination bekannt wurden. Die Produktion lief von 1935 bis 1944; nach Produktionsunterlagen des Reichsluftfahrtministeriums (RLM) und des Technischen Amts entstanden bis Kriegsende etwa 5.600 He 111 in allen Varianten, wobei die Produktionszahlen je nach Quelle leicht differieren (Bundesarchiv, RLM-Listen, 1945). Der Typ war das Standard-Kampfflugzeug der Luftwaffe in den ersten Kriegsjahren und wurde bis Kriegsende in verschiedenen Rollen eingesetzt.
Verlustmeldungen und Dokumente
Die zentrale Quelle für jeden Verlust einer He 111 im Zweiten Weltkrieg ist die Namentliche Verlustmeldung (NVM), die vom Luftwaffen-Personalamt geführt wurde. Sie enthält Name, Dienstgrad, Einheit, Geburtsdatum, Einsatzdatum und die Todesursache (gefallen, vermisst, verwundet). Für US-Verluste über Europa ist das Missing Air Crew Report (MACR) die Entsprechung; für die RAF sind es die Bomber Command Loss Cards und die AIR 81-Dateien im National Archives in Kew.
Wichtig: Eine NVM ist keine Grabbescheinigung. Sie dokumentiert den Status zum Zeitpunkt der Meldung, „vermisst“ kann später durch „gefallen“ oder „in Gefangenschaft geraten“ ersetzt werden. Die WASt-Kartei, die heute im Bundesarchiv liegt, enthält oft zusätzliche handschriftliche Vermerke, die die NVM ergänzen.
Die drei Ebenen der Überlieferung
Bei der Heinkel He 111 sind drei Ebenen der Überlieferung zu unterscheiden:
- Die technische Variante (B, H, P).
- Der konkrete Verlustfall (NVM, WASt-Kartei, Flugbuch).
- Die erinnerungskulturelle Ebene (Gräberlisten, Gedenktafeln, Kriegsgräberfürsorge).
Wer eine Verlustmeldung liest, muss zuerst die Variante identifizieren, dann das Geschwader und die Einsatzrolle, danach erst die Besatzungsnamen. Die Quellenlage ist je nach Variante und Einsatzraum sehr unterschiedlich.
So entschlüsseln Sie die Flugzeugkennung
Die Kennungen sind die einzigen direkten Zeugen der Verlustmeldung, ohne sie ist keine eindeutige Zuordnung möglich. Gehen Sie in dieser Reihenfolge vor:
- Stammkennzeichen (z. B. „G1+BN“): Steht für die Einheit; der Buchstabe vor dem Kreuz gibt die Staffel an.
- Rumpfcode (z. B. 5J+CN): Identifiziert die Staffel, die Position innerhalb der Staffel und die individuelle Maschine.
- Werknummer (W.Nr.): Bezeichnet eindeutig das einzelne Flugzeug und dient in Verlustmeldungen oft als einzige verlässliche Referenz.
Wo Sie die Dokumente finden
Verlustmeldungen der Luftwaffe wurden von den Luftgaukommandos erstellt und an das Luftwaffen-Personalamt weitergeleitet; diese Meldungen enthalten in der Regel den Namen des Flugzeugführers, die Einheit, das Datum, den Ort und die Todesursache. Das Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg verwahrt die erhaltenen Verlustkarten der Luftwaffe, die nach Flugzeugtypen und Einheiten sortiert sind. Für die Familienforschung sind die Namentlichen Verlustmeldungen (NVM) die zentrale Quelle; sie sind bei der Deutschen Dienststelle (WASt) überliefert und heute über das Bundesarchiv recherchierbar.
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