Fliegerschicksale

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04.08.1944 Quelkhorn/Borkum

Angriffsziel : Hamburg
Absturzzeit : 13:08
Flugzeugtyp : B-17G-75-BO
Seriennummer : 43-37909
Werknummer:  
Kennung : 3R-N
Nickname :  
Einheit : 468th BG, 832nd BS
Heimatbasis : Sudbury
Status der Besatzung : 7 KIA, 2 POW

 

Die Walthall Besatzung:

v.l.n.r. stehend: 2nd Lt. Ingerson, 2nd Lt. Walthall, 2nd Lt. Myers, 2nd Lt. Graham

knieend: Sgt. Rachak, Sgt. Hesner, Sgt. Faber, Sgt. Danno, Sgt. Lambertus, Sgt. Dold

(Sgt. Hesner war am 04.08.1944 nicht an Bord)


Die Besatzung:

FunktionDienstgradNameStatus
P 2nd Lt. Harvey M. Walthall KIA
CP 2nd Lt. William J. Myers KIA
N 2nd Lt. Quentin F. Ingerson POW
B 2nd Lt. Howard S. Graham KIA
TT Sgt. Kazmer Rachak POW
RO Sgt. Kenneth Faber KIA
BT Sgt. James W. Danno KIA
WG Sgt. William F. Dold KIA
TG Sgt. William W. Lambertus KIA


Mord auf Borkum

Gegen 09:00 Uhr starteten 40 B-17 Bomber der 486th Bombgroup zu einem weiteren Einsatz über Deutschland. Ziel an diesem Tag war Hamburg. Wegen Nebels mußten die Maschinen für etwa eine halbe Stunde länger am Boden bleiben als geplant. Nachdem sich die Bomberformation gruppiert hatte, überquerten die Maschinen mit einer Minute Verspätung um 11:13 Uhr die englische Küstenlinie in der Nähe der Küstenstadt Lowestoft. Gut 50 Kilometer nordwestlich von Helgoland änderte der Bomberstrom den Kurs nach Südosten, um nicht in den Helgoländer Flakbereich zu geraten. Um 12:51 Uhr überflog die Formation nordwestlich von Bremen die deutsche Küste in einer Höhe von etwa 7000 m und nahm Kurs auf die Hansestadt an der Weser. Dabei gerieten die Bomber in eine bis dahin, von den Einsatzoffizieren, nicht bekannte Flakzone und wurden unter Feuer genommen. In die Formation kam Unruhe, da einige Piloten Ausweichmanöver flogen, gerade als die Bomber östlich von Bremen auf einen neuen Kurs schwenken wollten, denn Hamburg sollte über Rotenburg/Wümme angeflogen werden. Während der Richtunsänderung kam es zur verhängnisvollen Kollision die sieben Soldaten sofort das Leben kostete und sieben Weiteren unerwartet erst Stunden später.

Eine Flakexplosion und eventuell ein Ausweichmanöver von einer der beiden Maschinen führte dazu, daß Walthalls B-17 von unten in Harper seine Maschine gedrückt wurde. Was auch immer genau zur Kollision führte, 2nd Lt Scully, Copilot an Bord von Harpers B-17, sah wie sich die linke Tragfläche der Walthall-Maschine zwischen die Motoren Nr. 3 und 4 auf der rechten Seite der B-17 hochbewegte. Augenblicklich wurde die Luftschraubenwelle an Motor Nr.4 abgerissen und fortgeschleudert. An Bord von Walthalls 43-37090 sah Sgt. Rachak wie das Heck von Harpers B-17 über der rechten Tragfläche erschien. Die Wucht der darauffolgenden Kollision warf Sgt. Rachak zu Boden, Trümmerteile der Propeller schlugen im Rumpf ein. Die tiefer kommende B-17 zertrümmerte den oberen Kugeldrehturm, in dem er eben noch gestanden hatte.

Jetzt erst kamen beide Maschinen frei und stürzten in die Tiefe. Scully und Harper konnten ihre, nun sich um die eigene Achse drehende, B-17 nicht mehr unter Kontrolle bringen. Es wurde klar, die Maschine war verloren. Scully war von 2nd Lt. Kontos Vater gebeten worden, bevor sie nach England verlegten, auf seinen Sohn Acht zu geben, der um einiges jünger war als Scully. Mit diesen Worten im Ohr begab sich 2nd Lt. Scully nach vorn zu Kontos, um zu sehen ob er unverletzt und bereit zum Absprung war. Der Bomber drehte sich immer heftiger und dieser Belastung war die Zelle und die Tragflächen nicht mehr gewachsen. Die linke Tragfläche montierte ab und riß ein Teil des Rumpfes mit heraus. 2nd Lt. Harper und 2nd Lt. Scully wurden ins Freie geschleudert. Scully blieb mit dem Hosenbein seiner Fliegerkombination an dem zerfetzten Blech hängen und konnte sich nur mit Tritten des anderen Beins befreien.

Die Befreiung kostete 2nd Lt. Scully wertvolle Zeit und Absprunghöhe. Er war schon recht tief, als sich der Schirm voll entfaltete. Mit großer Wucht landete er hart auf einem Dach und brach sich drei Rippen. Harper konnte sicher landen und wurde mit Scully im Stalag Luft III in Sagan interniert. Die Anderen der Besatzung wurden von ihrer Maschine mit in den Tot gerissen.Wrackteile fielen in Quelkhorn, in der Surheide und in Fischerhude nieder. Eine Tragfläche lag quer über die Straße nach Lilientahl in einer großen Kraftstofflache. Der Rumpf fand sich hinter dem Haus Bohling in der Surheide wieder, von den Bäumen förmlich aufgespießt. In den Gärten lagen die toten Amerikaner.

An Bord der B-17 von 2nd Lt. Walthall machte sich Sgt. Rachak, im Glauben die Maschine sei verloren und würde abstürzen, auf den Weg in den Bug, wo der Navigator 2nd Lt. Ingerson und der Bombenschütze 2nd Lt. Graham ihre Positionen hatten. Rachak forderte die Beiden auf auch abzuspringen. Plötzlich bemerkte Rachak das er seinen Fallschirm in der Eile verkehrtherum angelegt hatte. Um keine Zeit zu verschwenden , entschied er seinen Schirm mit der linken Hand zu betätigen und sprang. 2nd Lt. Ingerson folgte ihm. Sie hingen an ihren Fallschirmen, als es Pilot 2nd Lt. Walthall und seinem Copiloten 2nd Lt. Myers gelang die Maschine wieder unter Kontrolle zu bringen. Rachak ging ca. vier Kilometer östlich von Fischerhude in der Bredenau nieder. Die Landung war etwas hart und er verstauchte sich den Knöchel. Bernhard Müller, damals dreizehn Jahre alt, nahm Rachak gefangen, später übernahmen ihn Landwehrmänner, die auch 2nd Lt. Harper und 2nd Lt. Scully gefangen genommen hatten. Von einem der Männer, der eine Schrotflinte führte, wurde Rachak zu einem Graben geführt. Für einen Moment dachte er nun exekutiert zu werden, wurde dann aber zu seiner Erleichterung aufgefordert weiterzugehen. Sgt Rachak mußte auf die anderen Flieger warten um gemeinschaftlich nach Quelkhorn geführt zu werden. In dieser Zeit bewunderten Frauen seinen seidenen Fallschirm. Rachak bot Müller ein Kaugummi an und warf es ihm zu. Dieser ließ es auf den Boden fallen und betrachtete es suspekt. Ein älterer Mann trat das Kaugummi in den Dreck und verfluchte Rachak. Der steckte sich ein Kaugummi in den Mund um zu zeigen das es nicht vergiftet war. Später wurde er mit Harper und Scully im örtlichen Gefängnis eingesperrt. 2nd Lt. Ingerson wurde in der Nähe einer deutschen Panzereinheit, vermutlich bei Lilienthal, gefangengenommen. Er verbrachte einige Tage in Einzelhaft bevor er verhört wurde.

 

Der KU-Bericht 884 von Sgt. Rachak und 2nd Lt. Ingerson

 

Walthall entschloß sich mit seiner beschädigten Maschine aus der Formation auszuscheren und nach England zurück zu kehren. Aufgrund der schweren Beschädigungen mußte er aber die B-17 auf der Insel Borkum notlanden, bevor er seine Besatzung und sich selbst der Gefahr eines Absturzes über der offenen See aussetzte. Etwa um 13:50 Uhr setzte Walthall seine Maschine im Nordosten der Insel auf dem sogenannten Muschelfeld auf den Strand. Bis auf eine Kopfverletzung kamen die restlichen sieben Besatzungsmitglieder glimplich davon. Die Überlebenden wurden von Marinesoldaten gefangengenommen und zur Ostland-Flakbatterie des 216. Marine-Flak-Battalion gebracht. Oberleutnant Wentzel erhielt von dem Inselkommandanten den Befehl, die Amerikaner zu verhören.Während Wentzel das Verhör vorbereitete, erteilte der Kommandant Befehle für den späteren Abtransport der Gefangenen zum Hafen. Dort sollten die sieben Amerikaner dem Luftwaffenkommando zum Weitertransport auf das Festland übergeben werden. Von den mehreren möglichen Wegen zum Hafen wurde, aus welchem Grund auch immer, der längste Weg gewählt. Auch ein Transport mit einem Triebwagen der Inselbahn wurde nicht in Betracht gezogen. Polizei und Bürgermeister wurden über die Marschroute informiert. Ein Feldwebel erhielt den Befehl, mit sieben Soldaten die Gefangenen zum Hafen zu führen. Der Wachmannschaft wurde der berüchtigte Goebbels-Erlaß des Reichspropagandaministers ins Gedächtnis gerufen, der den Wachmannschaften verbot, bei Übergriffe der Bevölkerung gegen abgeschossene feindliche Flieger einzugreifen. Der Abstand der Gefangenen sollte 5-6 Meter betragen und die Gefangenen mußten ständig die Hände über den Kopf halten. Noch vor dem Abmarsch wurde ein Wachsoldat, der nicht streng genug zu den Gefangenen war, ausgetauscht. Als die Marschkolonne die obere Strandpromenade ereichte, bildeten dort eine Gruppe von etwa 60 Männern des Reichsarbeitsdienstes, die dort Arbeiten ausführten, ein Spalier durch das die amerikanischen Flieger laufen mußten. Die Reichsarbeitsdienstmänner schlugen mit Spaten und Fäusten auf die Wehrlosen ein. Die Wachsoldaten griffen nicht ein. An der Ecke Bahnhof / Franz-Habich-Straße kam es zu Übergriffen der Bevölkerung, angestachelt durch Zurufe des Bürgermeisters Jan "Varus"Akkermann. Wieder griffen die Wachsoldaten nicht ein. Auch auf dem Weg zum Rathaus hielt sich die Borkumer Bevölkerung nicht zurück und es gab weitere Übergriffe. Auch hier schritten die Wachsoldaten wiederum nicht ein. Einer der nun sehr erschöpften und demoralisierten Amerikaner brach am Rathaus zusammen. Aus der Menschenmenge trat der Gefreite Erich Langer, der gerade von seinem Wachdienst im französischen Kriegsgefangenenlager kam, und erschoß mit seiner Dienstpistole den am Boden liegenden Amerikaner. Der Verletzte wurde in das Gebäude des Sicherheitshilfsdienstes gebracht und verstarb dort etwa eine Stunde später. Die Wachsoldaten setzten ihren Marsch mit den sechs Verbliebenen fort, es wurde nicht einmal der Versuch unternommen den Todesschützen zu stellen. Langer folgte der Marschkolonne und erreichte sie am Sportplatz , wo eine Marschpause eingelegt wurde. Langer erschoß nacheinander die zermürbten und erschöpften Amerikaner. Selbst diese Ermordung der Gefangenen haben die Wachsoldaten nicht verhindert, sondern sich jetzt noch aktiv daran beteiligt. Einer der Wachsoldaten schoß zwei Amerikanern noch einmal aus nächster Nähe in den Kopf. Es läßt sich nur vermuten warum, vielleicht weil diese Beiden noch am Leben waren?

Gefreiter Langer aus Hamburg, der bei einem Bombenangriff den Großteil seiner Familie verlor und hier ungerechtfertigt Rache nahm, wurde an die Ostfront versetzt und soll dort gefallen sein. Die Wachsoldaten wurden von ihren Vorgesetzten zur Verschwiegenheit verpflichtet. Die Totenscheine wurden auf Anordnung gefälscht und so die Todesschüsse als Tod durch Schläge auf den Kopf, Zivilisten zugeschrieben.

 

Die Gräber der sieben ermordeten Flieger.

Nach dem Krieg wurde das Verbrechen von einem ehemaligen französischen Kriegsgefangenen den amerikanischen Militärbehörden gemeldet. Am 26. Mai 1945 wurde der Bürgermeister von Borkum zur englischen Militärregierung bestellt. Eine gute Woche nach der Verhaftung, von der der Bürgermeister nie mehr zurückkommen sollte, erfolgten die nächsten Verhaftungen am 12. Juni von vier Männer aus dem Begleitkommando des Gefangenentransports. Aber Diese wurden nach einem Verhör wieder nach Hause geschickt. Vier Tage später wurde Oberleutnant Wentzel verhaftet, die anderen Offiziere waren schon vorher abgeholt worden. Im März und Februar 1946 kam es in Ludwigsburg zum Prozeß. Angeklagt waren 24 Soldaten und Zivilisten. Im Verlauf des Prozesses wurde klar, daß keiner eine alleinige Schuld trug, sondern das, daß Verbrechen gegen die sieben sich bereitwillig ergebenen Amerikaner eine Gemeinschaftstat war. Als Folge des Verstoßes gegen die Genfer Konvention wurden fünf Todesurteile ausgesprochen. Vier wurden in Landsberg am Lech vollstreckt, eines in lebenslange Haft gewandelt. Neben einer weiteren lebenslangen Haft wurden neun weitere zum Teil langjährige Haftsrafen ausgesprochen.

Sgt. Rachak wurde im Stalag Luft IV in Großtychow interniert. Im Februar 1945 wurde das Lager vor der nahenden Russischen Armee geräumt. Rachak gehörte zu denen die in einem Fußmarsch in das Stalag 357 südlich von Hamburg verlegt wurden. Auch Ingerson, der im Stalag Luft III in Sagan interniert wurde, mußte im Januar 1945 in einem Fußmarsch bei bitterer Kälte und Schneetreiben das Lager vor der nahenden Front verlassen. Vermutlich in Spremberg wurde Ingerson mit den anderen Gefangenen auf einen Zug verladen und nach München gebracht. Während eines Marsches entlang einer Autobahn flüchtete Ingerson zusammen mit einem Kameraden in die nahen Wälder, in der Hoffnung von amerikanischen Verbänden überrollt zu werden und damit die Freiheit wiederzuerlangen. Nach einer Woche waren sie gezwungen den Schutz des Waldes Aufzugeben um Nahrung zu suchen , als sie einer SS Einheit in die Arme liefen. Wundersamerweise wurden die beiden Amerikaner freundlich behandelt, die aber doch froh waren als sie einem Wehrmachtssoldaten übergeben wurden. Beide wurden nach einem Marsch, während der Soldat auf einem Rad fuhr, in dem nächsten Ort in ein Gefängnis gesperrt.

Im August 2003 wurde den ermordeten Fliegern auf Borkum ein Denkmal gesetzt. Rachak und Ingerson waren bei den Feierlichkeiten zugegen und besuchten auch Quelkhorn. Erst als die Besuche vermittelt wurden, erfuhren die Beiden vom Schicksal ihrer Kameraden, sie waren bisher davon ausgegangen, daß ihre Maschine irgendwo bei Rotenburg ohne Überlebende abgestürzt sei. Was Rachak und Ingerson erst 60 Jahre nach diesem Vorfall erahnten, war die Tatsache das ihr voreiliges Handeln ihnen ihr Leben rettete.

 


Quellen:

Abschussmeldung Luftgaukommando XI

Hans-Jürgen Wienke , Quelkhorn

Kurt Peper, Fischerhude

Helmut Scheder, Bad Zwischenahn

486th Bomb Group Association

Bildnachweis:

Alle Bilder: 486th Bomb Group Association

 

Stand: 24.07.2015

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